RETROTREND
geballert sind, um noch am selben Abend auf Alpenpässen unser
junges Leben zu gefährden?
Wir sind doch immer noch frisch und könnten die Tour jederzeit
wieder machen, wenn wir nur wollten und Zeit hätten. Zumin-
dest mit jeweils einer Übernachtung in Hannover und Würzburg
würde es noch gehen.
Aber eine BMW? Niemals hatten wir uns stillschweigend ge-
schworen. Was ist also passiert?
Passiert ist eigentlich: Nichts.
Denn es handelt sich hier um gleich mehrere normale Phänome-
ne, für die es lediglich eine gewisse Lebenserfahrung benötigt,
die wir damals naturgemäß nicht hatten. Vielleicht auch gar nicht
haben konnten, denn wir waren Anfang 20 und der Nebel war
noch sehr dicht.
Folgende Phänomene sollten uns also erst später begegnen:
1. Der zeitversetzte Perspektivwechsel
2. Die Erkenntnis, dass Schönheit manchmal im Verborgenen liegt
3. Die Faszination des Nostalgischen
4. Der Wandel einer Marke
Zum Perspektivwechsel-Phänomen ein kleines Experiment:
Stöbert mal hinter der Dachluke und schaut euch eure Fotos von
1992 an. Nahezu ALLE die ich kenne, möchten im Angesicht ihrer
damaligen Bilder dem verantwortlichen Friseur noch heute mit
einer Zivilklage drohen.
Nobelpreisträgerin“ bezeichnet. Ich muss einräu-
men, er hatte damals eventuell nicht Unrecht.
20 Jahre später, als ich 2012 meine frisch erwor-
bene BMW präsentierte, war sein Urteil weniger
sensibel formuliert, aber ebenso eindeutig.
„Eine BMW R100R??? Eine Gummikuh?? 60 PS??
Kardanwelle? Koffersystem?? Damals hässlich,
heute hässlich? Sonst alles o.k. bei dir?“ Diesmal
allerdings wird er sich irren.
1992 war die BMW quasi der Fiat Multipla der
Motorräder. Unförmig, untermotorisiert, spießig.
Gefahren höchstens von frühpensionierten Bioleh-
rern und – sagen wir mal – Strassenbahnfahrern
und -kontrolleuren.
Eine BMW? In den 90ern undenkbar und auch für
alle Zukunft UNDENKBAR. BMW fahren? Vielleicht
nach dem Tod. Wir fuhren voller Überzeugung Ja-
paner: Yamaha RD 350, Kawasaki ZXR 750 (siehe
oben) Fireblades ...
Und nun ist das gerade einmal 20 Jahre her und
ich stehe mit dem zweirädrigen Spießertraum vor
seiner Tür.
Sind wir doch schon tot?
War es nicht gerade gestern, dass wir auf japa-
nischen Supersportlern von der Nordseeküste an
einem Tag durch die gesamte Bundesrepublik




