Denn leider hatte man damals, wie von quasi fast allem, keinen
blassen Schimmer.
Es ist ein ohnehin allgemeines Dilemma des Lebens, dass die
Jugend so an die Jugend verschwendet wird.
Die BMW erinnerte mich also an Zeiten ohne Internet, Email,
Handy und Geld.
Zeiten mit gelben Telefonzellen, Autofenster mit Kurbeln und
sogar an Fernseher, bei denen man selber die Fernbedienung war
(„Junge, schalt mal eben um“). Alles war betulich, langsam und
langweilig. Alles war also eigentlich gut.
Und genau das war wohl der Grund, warum ich diese wirklich
langweilige BMW sofort in mein Herz schloss. Auch weil in ihr
mehr steckte, als ich 1992 dachte. Auch das kam mir irgendwie
bekannt vor.
Dieses Motorrad ist also auch eine Erinnerung an die Jugend. Es
entschleunigt die Zeit. Und sie ist ein Baukasten, an dem man
selber noch basteln kann. Es ist dabei solide und zuverlässig. Sie
fährt wie eine Schiffschaukel und ist angenehm aus der Zeit.
Es ist eine BMW und eine BMW fuhren damals nur die Erwachse-
nen.
Die BMW war und ist ein Synonym für Seriösität, Verlässlichkeit
und Erwachsenheit. Und wahrscheinlich spielte auch dies eine
kleine Rolle für meinen Kauf. Nach Jahren der Supersportler und
des Rennstreckengeballers etwas mehr Vernunft und Erwachsen-
heit bei der Wahl des Motorrads und im Leben an sich.
Andauernde Erwachsenheit hält man aber natürlich nicht lange
aus.
Und darum war von vornherein klar: Das hässliche Ding muss
radikal umgebaut werden. Für das Original ist man ja doch noch
nicht tot genug.
BMW – und da sind wir bei Punkt vier des Erklärungsversuchs –
hat sich in den letzten 24 Jahren so gewandelt, dass der blau-
weiße Propeller auf dem Tank doch mittlerweile ein gutes Maß
an Strahlkraft besitzt. Wobei nicht klar zu definieren ist, was sich
mehr gewandelt hat. BMW oder wir selbst. Auf jeden Fall, auch
wenn der Satz für jemanden, der in den 80ern das Motorrad-
fahren begonnen hat immer noch komisch klingt: BMW baut
mittlerweile wirklich gute Motorräder.
Bonanza Rad, samstägliches Baden, Sportschau
gucken, 80 Kubik Mopeds, meinen Konfirmati-
onsanzug, den ersten Geschlechtsverkehr und an
Helmut Kohl.
Also an die schönen (Bonanza Rad, Baden, Sport-
schau...) und schrecklichen Dinge (Konfirmati-
onsanzug, Helmut Kohl) meiner Jugend. An erste
Erfolge (80er Moped) und schlimme Niederlagen
(erster Geschlechtsverkehr). Sie erinnerte mich an
all die jungfräulichen ersten Erlebnisse, mit denen
man immer latent überfordert war.
Erlebnisse, die in Ihrer erst- und Einmaligkeit so nie
wieder kommen würden. Wobei man damals noch
nicht einmal ahnte, dass dies zugleich schön und
schrecklich ist.
RETROTREND




