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Tag 8: Murphys Gesetz. Eine Analyse des schönen Scheiterns.

Von vermeintlichen Lutschern und vermeintlichen Helden, Falsch- und Baggerfahrern und wie sich alles drehen kann.

Karte Tag 8 einsAufgrund der Unruhen im Kaschmirtal haben wir die Route der DANE TROPHY TRANSHIMALAYA 2016 komplett verändern. Leider auch mit der Konsequenz, dass wir den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den 5600m hohen Khardung La in der Nähe der Stadt Leh nicht werden errreichen können, wenn wir zur geplanten Zeit zurück nach Deutschland kommen wollen würden. Verständlicherweise war es der Wunsch eines Teils der Gruppe, „wenigstens“ einen Pass jenseits der 5000m zu erreichen.

Von Jispa, unserem aktuellen Standort aus, ist dies eine Reise zum Lachulung La-Pass, mit einer Höhe von 5.059m. Eine Reise von insgesamt cirka 300 km. In Deutschland eine Sache von notfalls 1,5 Stunden, im Himalaya ein ambitioniertes Unterfangen, für das man nach den Strapazen der vergangenen Tage einiges an „Cochones“ benötigt.

Wir entschlossen uns also, das 27 Mann starke Teilnehmerfeld in zwei Gruppen aufzuteilen. Wer einen 5000er erfahren möchte, kann Mr. Moti und mir auf den Lachulung La folgen. Wer einen entspannten Tagesausflug zu einem nahe gelegenen, im Bau befindlichen neuen Pass in das Zanskar Tal machen möchte, der für zukünftige Himalayareisen von Bedeutung werden könnte, der möge Doc Peter und Buddhi zum Shingo La Pass folgen. Der Pass ist so neu, dass niemand weiß, wieweit er ausgebaut ist.

Wir, also die 5000er Fahrer sind die Guten. Wir sind die Wagemutigen. Wir sind die Entschlossenen.

Die anderen, die Tagesausflügler wollen es gemütlich angehen und legen auf die Überschreitung eines 5000er Wertes nur wenig Wert.

Und am Ende des Tages sollte sich alles drehen.

Es sollte sich drehen, wegen dem Herrn Murphy.

 

Sicherlich kennt jeder von euch Murphys Gesetz : Alles was schief gehen kann, geht schief. (mehr Infos und Angeberwissen am Ende des Artikels)

Herr Murphy und sein nerviges Gesetz waren scheinbar Montag, den 18. Juli, in JISPA. Denn dort waren wir auch.

Als Herr Murphy dann morgens aufgestanden ist, hat er sich wohl so am Frühstückstisch gedacht: Den deutsch-österreichischen Mopedfahrern, die mich gestern Nacht um meinen Schlaf brachten, den zeige ich heute noch mal mein Gesetz. Und zwar an einer Stelle, an der sie denken, da könnte es gar nicht zur Anwendung kommen. Also an einer Stelle, an der eigentlich nichts schief gehen kann.

Und das mache ich so:

Die Gruppe ist ja gestern von rechts gekommen und da es nur eine Strasse durch den Himalaya gibt, denken sie bestimmt, dass alle wissen, dass man morgen nach links weiter fahren muss. Sie denken bestimmt nicht, dass an dieser Stelle etwas schief gehen kann. Ich lasse aber mal zwei Leute aus der Gruppe wieder nach rechts abbiegen, also aus der Richtung aus der sie gekommen sind. Damit rechnet keiner.

Wenn alle anderen damit rechnen, dass sie ihren Irrtum ja bemerken würden und zeitig stehen bleiben bzw. anhalten, lass ich die beiden einfach lange in die falsche Richtung fahren. Dann lasse die anderen so lange warten, bis sie bei ihrer Weiterfahrt auf eine zusammengestürzte Brücke treffen, die man zwar in einem Flussbett umfahren kann, in das ich aber ein Auto und einen Bagger platziere. Ich schicke Ihnen dann noch zweimal den längsten Militärkonvoi der Welt, ein paar kleinere Defekte und einen kleinlichen Streckenposten.

Die andere Gruppe, die mit meinen Falschfahrern. Den mach ich mal ein kleines Geschenk. Soviel Ungerechtigkeit muss sein.

Hey Murphy, denkt man da so. Halt mal den Ball flach, soviel kann doch gar nicht schief gehen. Wir sind doch die Guten!

Doch, sagt Herr Murphy, und dachte sich gleich eine ganze Fehlerkette aus:

Diese Kette begann damit, dass wir vor der Abfahrt nicht GENAU definiert hatten, welcher Teilnehmer sich welcher Gruppe anschließen wollen würden (Fehler 1 = F1).

Es war nur definiert, dass die Lachung LaGruppe um 8.00 abfahren wird und die vermeintliche Tagesausflugs-Luschen Gruppe 15 min später. Wie immer pünklich setzte sich unser Guide Mr. Moti in Bewegung, fuhr vom Hof und bog links ab. Er war in der Annahme, dass jeder (F2) die Richtung kennen sollte, denn es gibt nur eine Strasse und gestern waren wir von „rechts“ gekommen. Als der letzte den Hof verließ, wartete ich in meiner Funktion als „Besenmotorrad“ am Gruppenende einige Sekunden und fuhr hinterher, in der Annahme das unsere Gruppe vollständig wäre (F3). Entgegen der sonstigen Gewohnheit wartete ich nicht am Strassenrand (F4), da ich annahm wir wären vollzählig (F5). Wie sich später heraus stellte, wollten uns noch zwei weitere Teilnehmer begleiten, deren Motorräder aber nur mit Verzögerung ansprangen (F6). Sie konnten unsere Abfahrtsrichtung nicht sehen, da sich zwischen Strasse und Hotelhof eine kleine Mauer befand (F7), die die Sicht beeinträchtigte. Als die Motorräder dann wieder angesprungen waren, fuhren sie vom Hof und sahen niemanden mehr von unserer Gruppe. Der Führende der Beiden (Namen wollen wir nicht nennen), war der Meinung, der LachungLa läge in Fahrtrichtung rechts (F8), machte sich daher nicht die Mühe zur Sicherheit noch mal den auf dem Hotelhof verbliebenen Guide zu fragen (F9) und bog rechts ab. Der zweite Fahrer war der Meinung, dass der führende Fahrer den Weg schon kennen würde (F10) und folgte ihm (F11). In letzter Sekunde sah unser Doc Peter das sich die Beiden in die falsche Richtung aufmachten, teilte dieses Guide Buddhi mit, der sich dann SOFORT auf die Verfolgung machte.

Wir, die andere Gruppe, mussten circa 7 km vom Hotel entfernt an einem Checkpoint stoppen und stellten dort fest, das zwei Personen fehlen (sie hatten ihre Zimmerkollegen darüber informiert, dass sie auf den Lachung La wollen). Ich entschloss mich zum Hotel zurück zu fahren, bei dem Peter mir mitteilte, dass die vermissten Personen falsch gefahren wären, Buddhi die Verfolgung aufgenommen hat und es sich nur um wenige Minuten handeln könne, bis sie ihren Irrtum bemerken und/oder Buddhi sie einholen würde (F12). Ich kehrte zu meiner Gruppe zurück und teilte ihnen mit, dass wir uns einen Tee bestellen können und „nur mal eben 20-30Min“ warten müssten (F13), wir hätten ja noch ausreichend Zeitpuffer (F14).

Unser beiden Falschfahrer fuhren 60 Kilometer(!) in die falsche Richtung (F14 bis, sagen wir mal, F 35).

In dem Versuch uns einholen zu wollen, legten sie dabei ein Tempo vor, dass dazu führte, dass unser wirklich herausragend fahrender Guide Buddhi mehrere Stunden(!) benötigte, um sie einkassieren zu können und wieder zurück zu bringen.

Wir, die Lachung La Gruppe warteten eine Stunde am Checkpoint, bis ich beschloss zum Hotel zurück zu kehren und mich über die Situation zu erkundigen. Ich kehrte dann wieder zu meiner Gruppe zurück und sagte, wir würden noch eine weitere halbe Stunde warten, weil es auch bei den Beiden ja darum ginge, die 5000m zu überschreiten und sie ohne Anschluss an unsere Gruppe dazu keine Chance mehr hätten (F 36, F37, F38).

Nach insgesamt 1,5 Stunden vergeblicher Wartezeit machten wir uns dann auf dem Weg zum Lachung La. Immer noch in der Annahme, dass wir ihn problemlos werden erreichen können (F39).

Das reale indische Leben sollte uns einen Strich durch die Rechung machen. Nach circa 60km Fahrt trafen wir auf eine Brücke, deren Reparatur in der Endphase war. Eigentlich kein Problem, denn der Fluss wäre auch durch ein cirka 30m entfernt liegendes Flußbett mit dem Motorrad durchfahrbar, wenn nicht ein Fiat Uno Fahrer, angesichts der Warterei vor der Brücke, die Nerven verloren hätte (F40) und sich auf den Weg durch das Flussbett gemacht hätte (F41), um dann an entscheidender Stelle auf zu liegen und auch mit rabiater Muskelkraft nicht mehr zur Weiterfahrt animiert werden konnte (F42). Das wäre auch kein Problem, denn mit dem Motorrad hätten wir den Fiat Uno umfahren können, wenn nicht mittlerweile ein im Flußbett stehender Bagger vergeblich versuchen würde den Kleinwagen zu befreien (F43). Und an dem Bagger war kein Vorbeikommen (F44).

Wir warteten also brav weitere 1,5 Stunden, um dann unsere Fahrt zum Lachung La fortzusetzen, um dann ausgerechnet auf einer engen Passstrasse auf den größten Militärkonvoi aller Zeiten zu treffen (F45), der nur unter dauerhaften Einsatz der Hupe und mit grenzwertiger Fahrweise zu überholen war, um dann wenige Kilometer weiter an einem militärischen Checkpoint durch ein schnödes Seil gestoppt zu werden (F46). Während wir wiederum brav unsere Pässe und Permissions vorzeigten, passierte der Militärkonvoi eben diesen Checkpoint ohne jede Zeitverzögerung und setzte sich wieder vor uns (F47).

Murphy, du bist ein Arschloch.

Wir kämpfen uns wieder an dem Konvoi vorbei, um dann auf einer Passstrasse bei Sarchu den obligatorischen Reifendefekt bei einem Teilnehmer zu haben (F48). Während der Reifen vom Team gewechselt wurde, reparierte Tom, Inhaber des Würzburger Motorradladens HMF, seine Royal Enfield mal eben im Alleingang. Auf 4000m Höhe fummelte er an den Einstellungen und schob er das störrische Ding mehrfach an und brachte sie wieder in Normalform. Respekt, aber insgesamt eine weiterer Zeitverlust von 45 Minuten (F49).

Ich will es hier mal kurz machen, da ihr das Ende der Geschichte ohnehin schon ahnt und Herr Murphy ansonsten auch zu große Aufmerksamkeit geschenkt werden würde.

Wir schafften es in einer zerschossenen Gruppe letzendlich bis zum Nakee La Pass, auf dem sich Mr. Murphy den weiteren augenzwinkernden Witz erlaubte, ihn nur 4.950 Meter hoch sein zu lassen (F50).

Den Lachung La zwar in Sichtweite, aber, trotz lediglich 30km Entfernung, zeitlich nicht in Reichweite, waren wir gezwungen um zu drehen, wenn wir nicht eine gefährliche Nachtfahrt über schon tagsüber gefährliche Passwege riskieren wollten.

Wir drehten also und erreichten nach mehreren Stunden Fahrt letztendlich erst nach dem Sonnenuntergang unser Hotel.

Dort saß wahrscheinlich Herr Murphy gut getarnt mit uns im Restaurant und schmunzelte über seinen zugegebenermaßen gelungenen Abschlussgag: Denn wir tapferen Ritter mussten hier erfahren, dass die „Tagesausflugsgruppe“ die Höhe von 50o0m erreicht hatten. Sie waren die ersten Motorradfahrer, die jemals auf die Spitze des noch im Bau befindlichen Shingo La Passes fuhren.

Und der ist mittlerweile 5040m hoch!

Inklusive unserer beiden Falschfahrer, hatten sie diesen kleinen Eintrag in die Geschichtsbücher des Himalayas erreicht und waren schwer begeistert von ihren Erlebnissen. Zum ersten Mal und auch nur für kurze Zeit ging ein kleiner Spalt durch die Gruppe.

 

DANE TROPHY TRANSHIMALAYA Tagebuch Tag 8 Karte DANE TROPHY TRANSHIMALAYA Tagebuch Tag 8 50 DANE TROPHY TRANSHIMALAYA Tagebuch Tag 8 51

Wir sind gescheitert.

Aber immerhin in Schönheit gescheitert.

Wir hatten einen weiteren fantastischen Tag mit unglaublicher Natur und strahlenden Sonnenschein. Wir hatten Spaß daran, die kleinen Widrigkeiten zu überwinden und hatten das gute Gefühl, alles gegeben zu haben.

Trotzdem und genau deswegen, man verzeihe mir die Wortwahl:

Murphy, du bist WIRKLICH ein Arschloch!

Schon immer gewesen, aber heute besonders.

 

Gute Nacht und geh´ mir ein paar Tage aus den Augen.
Kümmer dich um Falschfahrer.

 

 

P.S. Angeberwissen für den Tresen: Murphys Gesetz laut WIKIPEDIA:

Murphys Gesetz (englisch Murphy’s Law) ist eine auf den US-amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy jr. zurückgehende Lebensweisheit, die eine Aussage über menschliches Versagen bzw. über Fehlerquellen in komplexen Systemen macht.

Murphys Gesetz lautet:

„Anything that can go wrong will go wrong.“

„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

Es geht wohl auf John W. Campbell Jr. (1910–1971) zurück (siehe Finagles Gesetz) und wurde als Murphys Gesetz weltweit bekannt.

Der Ingenieur Captain Edward A. Murphy nahm 1949 am Raketenschlittenprogramm der US Air Force auf einem kalifornischen Testgelände teil, mit dem herausgefunden werden sollte, welche Beschleunigungen der menschliche Körper aushalten kann. Bei einem sehr kostspieligen Experiment wurden am Körper der Testperson 16 Messsensoren befestigt. Diese Sensoren konnten auf zwei Arten befestigt werden: auf die richtige und in 90° Abweichung von dieser. Das Experiment schlug fehl, weil jemand sämtliche Sensoren falsch angeschlossen hatte. Diese Erfahrung veranlasste Murphy, sein Gesetz zu formulieren. Die Urfassung lautete:

„If there’s more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.“

„Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.“

Einige Tage später zitierte Major John Paul Stapp dies bei einer Pressekonferenz.[1]

Mit Murphys Gesetz haben sich vor allem Natur- und Ingenieurwissenschaftler auseinandergesetzt. Es wird in der modernen Technik als heuristischer Maßstab bzw. als Erfahrungswissen für Fehlervermeidungsstrategien angewendet (unter anderem in der Informatik und der QualitätssicherungFail-Safe-Prinzip, z. B. Ausfallsicherheit durch redundante Systeme), dies stellt das scheinbar witzige „Gesetz“ auf eine wissenschaftliche Basis.

Die reduzierte Variante des Gesetzes (Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen) ist zudem systembezogen, das heißt, es ist nur auf geschlossene Systeme oder Versuchsanordnungen anwendbar. Sobald es auf zukünftige oder unabgeschlossene Handlungen oder Vorgänge angewandt wird, kann ein zunehmender Einfluss von (als ordnend empfundenen) Faktoren beobachtet werden, die das „Gesetz“ ins Wanken bringen, wie unter anderem Stefan Klein bewiesen hat.

Dies äußert sich im täglichen Leben dadurch, dass häufig nicht der schlimmstmögliche Fall eintritt, in diesen seltenen Fällen jedoch an Murphys Gesetz erinnert wird (siehe auch kognitive Verzerrung).

Dem Autor Ulf Heuner zufolge hat Murphys Gesetz weder etwas mit Entropie noch mit Zufall oder Wahrscheinlichkeit zu tun, sondern mit Notwendigkeit. Er führt als Beispiel an, dass, wenn ein altes, zerfallenes Haus irgendwann einstürze, dies dem Gesetz der Entropie und nicht Murphys Gesetz folgend geschehe. Stürzt ein Haus gleich nach Erbauung ein, dann sei etwas schiefgegangen. Das Paradoxe an Murphys Gesetz sei, dass für Dinge, die schiefgehen, sehr häufig Menschen verantwortlich seien, aber daneben bestimmte Faktoren, die nicht in der Macht einzelner Menschen stehen, dafür sorgen, dass etwas irgendwann (notwendigerweise) schiefgeht. Als solche Faktoren macht er z. B. unkontrollierbare Handlungen der Mitmenschen aus, unbewusste Sabotageakte unseres Gehirns, den eigenen, unbändigen Willen unseres Körpers oder die Tücke des Objekts. Unter Umständen könnten alle Faktoren zusammen die „Katastrophe“ herbeiführen.

Gelegentlich wird Murphys Gesetz fälschlicherweise dem Philosophen, Theologen und Amateurpsychologen Dr. Joseph Murphy zugeschrieben, dessen Theorie aber lautete:

„Was man dem Unbewussten als wahr übermittelt, wird wahr.“