Von der Faszination einer Reise auf das Dach der Welt.

Ein Reisebericht und ein Plädoyer für eine Teilnahme von DANE TROPHY Organisator Jens Foehl.

Indien, Himalaya. Zum vierten Mal bin ich nun hier. Und ich kann das Land, diese Menschen, diese Natur, diese Reise und seine Faszination noch immer nicht gänzlich begreifen.

Indien ist eine andere, eine faszinierende Welt. Voller Armut und Dreck auf der einen Seite, aber auch faszinierender Schönheit und Lebendigkeit auf der anderen. Schon berufsbedingt habe ich viele Motorradtouren machen dürfen. Die DANE TROPHY TRANSHIMALAYA allerdings ist ein einzigartiges Erlebnis und Abenteuer. Sie führt uns Teilnehmer in eine gänzlich andere Welt, auf den höchsten befahrbaren Pass der Welt und ein Stück weit auch zu uns selbst. Unsere indische Reise beginnt mit der nächtlichen Ankunft in Delhi. Fährt man durch Delhi zieht bereits die faszinierend bunte Welt Indiens vorbei, untermalt von dem Geräuschpegel von Millionen Menschen. Eine Explosion von Farben und Geräuschen. Szenen von berührender Intensität und Szenen von bizarrer Gestalt für das europäische Auge.

 

Ausgemergelte Tagelöhner, die riesige, zementbeladene Karren per Hand durch das eigentlich undurchdringliche Gewirr schieben. Rikschafahrer, die sich um die europäischen Gäste streiten, Straßenhändler, die beim Verkauf der absurdesten Produkte aggressiv am potentiellen Kunden bleiben („price cheap“), Kinder, die Autoreifen wechseln, Köche des „Chicken-Palace“, die mangels Platz auf dem Herd sitzend, barfuß die Pfanne rühren. 30 Meter weiter der Chicken Lieferant, der eben diese Hähnchen am Straßenrand armselig in engen Käfigen hält und zum Verkauf anbietet. Ein Menschenmeer, ständig in Bewegung. Und jeder versucht an der Oberfläche zu bleiben. Nie, wirklich nie, hat ein Einwohner Delhis eine Möglichkeit zum privaten Rückzug. 17 Millionen Menschen sorgen für niemals einkehrende Ruhe. Die erste von vielen Lehren, die ich aus diesem Land mitnehme: Unser Recht auf Individualität, auf Rückzug und Raum für uns selbst, wie er uns in Deutschland und Europa selbstverständlich erscheint, ist eben keine Selbstverständlichkeit! Auf jeder DANE TROPHY TRANSHIMALAYA verlassen wir Dehli nach einem Tag, denn natürlich suchen wir auf unserer Reise nach etwas anderem als die rücksichtslose, zermürbende Lebendigkeit einer Millionenmetropole. Wer Indien verstehen will sollte seine Hauptstadt aber gesehen haben.

 

„Es wird die Reise werden, die ihr nie vergessen werdet“, habe ich den 27 Teilnehmer der DANE TROPHY TRANSHIMALAYA versichert. Ihr werdet euch irgendwann auf der Tour fragen, warum ihr eigentlich hier seid und ihr werdet erleben, dass ihr zugleich nirgendwo anders sein wollt. Das Land, die Region, der Himalaya, die Royal Enfields, der Schlamm, die Gebirgszüge, die Hitze, das Lichtspiel, die wechselnde Vegetation, der Zusammenhalt der Gruppe, die Armut, Freundlichkeit, Zufriedenheit und die Demut der Menschen, die Einfachheit des Lebens, die Abgeschiedenheit und die Extreme dieses Trips werden auf euch wirken. Und nach der Reise werdet ihr euch auf seltsame Weise wieder zurück­sehnen.

Im Idealfall werdet ihr am Ende der Reise etwas verändert in eure Heimat zurückkehren. Ausgestattet mit etwas mehr Dankbarkeit und ein wenig mehr Demut für unser doch recht komfortables und weitgehend abgesichertes Leben im alten Europa.

 

Aber auf jeden Fall werdet ihr diese Motorradreise für den Rest eures Lebens nicht mehr vergessen. In all den Jahren war bisher kein Teilnehmer dabei, den dieses Land kalt gelassen hat und in diesem Jahr beginnt die schleichende Infiltration mit dem Indien-Virus schon bei der Anreise in die Hima­laya-Region. Denn wir starten unsere Expedition eine der faszinierendsten Regionen der Erde mit dem „Toy Train“. Einer Schmalspurbahn, die noch aus den Zeiten der Kolonialherrschaft Englands stammt und sich seitdem nicht verändert zu haben scheint. Mit 30 km/h und großer Ruhe schleppt sich das Relikt aus längst vergangenen Tagen in immer größere Höhe. Kontinuierlich aufwärts Richtung Shimla, 2103 Meter hoch gelegen, und der Startpunkt unserer Motorradreise.

Es ist 30 Grad warm, Türen und Fenster sind geöffnet und die noch üppige Natur zieht an uns vorbei und wirkt dabei wie ein farbenfroher Film in einem nostalgischen Kino. Der 50er Jahre Charme des „Toy Train“ und sein monotones Rattern über die jahrzehnte­alten Schienen tun ihr übriges. Der Beginn unserer Reise schaukelt uns in eine entspannte, entschleunigte Stimmung, die unsere gesamte Gruppe während der gesamten Tour nur sehr selten verlassen sollte.

Schon hier beginnt die Zeitreise, zurück in eine wenig technologisierte Welt. Die Technik ist veraltet, das Interieur einfach. Das ist die zweite Erfahrung unseres Trips: Entschleunigung ist wohltuend. Und die nicht Erreichbarkeit kann ein Privileg sein. In den nächsten Tagen wird uns keine E-Mail und kein Anruf erreichen. Wir haben kein Internet, kein WhatsApp und wir können nicht immer selbst darüber bestimmen, wann wir wann wo hin kommen. Das ist ungewohnt und auch auf gewisse Weise irritierend. Aber es macht auch gelassen und frei. Der Kopf wandert weg von den Dingen des europäischen Alltags. Man braucht sich keine Gedanken machen, denn man könnte auch nichts ändern, wenn man es ändern wollte.

Der Himalaya zwingt uns seinen langsamen, entspannten Rhythmus auf und wir nehmen ihn sehr gerne an.

 

Später auf unserer Tour, erklärt es mir Mr. Moti, unser immer gut gelaunter Guide und Motorrad Nomade, die indische Sichtweise der Dinge in klarer Einfachheit: Er würde sich freuen wenn es regnet. Denn wenn er sich ärgern würde, würde es ja auch regnen.

So sollte man auf die Welt blicken. Wenn es einem Deutschen denn gelingt.

In Shimla steigen wir auf unsere ROYAL ENFIELD BULLETS und besteigen eine andere Art fahrendes Kino: Unter uns bollert kontinuierlich der Einzylinder, die Bullets krächzen und knarren und passend zu dem Gerumpel des Maschinenraums zieht in Cinemascope Breite für die nächsten 10 Tage eine schwer beschreibbare Kulisse an uns vorüber. Wir fahren durch das indische Mensch-und-Natur Schauspiel und erleben in jeder nie langweilig werdenden Minute eine knallbonbonhafte Vielfalt, die einem unter dem Helm den Atem raubt.

Gott – an welchen Gott man auch immer glaubt – hat einen wirklich bunten Zoo. Und der indische ist eindeutig der artenreichste. Wer dieses Land noch nie bereist hat, wird es nicht glauben können: Hinter wirklich jeder Kurve und in jedem Ort erwartet uns etwas Neues, Unerwartetes, Überraschendes.

Beispielhaft genannt sei der fröhliche Truckfahrer, den wir auf dem Leichenberg begegnen. Mit seinem cabriohaften Gefährt hat er gerade die Strecke Manali-Leh mit großer Fröhlichkeit absolviert. Immerhin muss er auf der 500km Fahrt mehrere 5000er Pässe überwinden. Was ihn nicht davon abhält, auch mal einen Anhalter in sein Gefährt einzuladen. Auf meine naive Frage, was denn mit seinem Truck passiert wäre, schaut er nur fragend, was ich denn eigentlich meinen würde? Recht hat er. Meine deutsche TÜV-Mentalität ist hier fehl am Platz.

 

So erleben wir ständiges Lebens-Theater: Dilettantische Straßen-Sprengungen, zusammengebrochene und mit Körperkraft wieder aufgebaute Brücken, Erdrutsche sowie überspülte, halbzerstörte Straßen. Wir sehen fantastische Schluchten, das atemberaubende Moonland, jahrhundertealte Klöster, beeindruckende Religiosität, unfassbare Sonnenaufgänge und die höchsten Erhebungen der Welt. Wilde, unberührte Natur. Wir haben Nachtfahrten im Schlamm, verbunden mit der kurzfristigen Befürchtung, dass wir im Freien übernachten müssen. Wir müssen bei jedem unserer Trips improvisieren und wir lernen dabei, dass es in der großen Unorgansiertheit Indiens immer eine Lösung gibt. Unterschlupf für 27 Personen in einem kargen Kaff im nirgendwo: Kein Problem.
Ein mitternächtliches Buffet und ein kaltes King-Fisher noch dazu?
Gerne, setzt euch doch schon mal und schaut euch den Sternenhimmel an.

 

Der Mensch im Himalaya muss improvisieren können, denn die Natur des Himalayas macht ihm und uns deutlich, wer hier das Sagen hat. Die Transhimalaya fordert und formt uns und lässt uns manchmal auch entnervt zweifeln. Und zugleich bietet die Natur und die Menschen Indiens phantastische, phantastische  Momente, die wir, das realisieren wir in dem Moment der Betrachtung, nie mehr vergessen werden. Bilder können die Großartigkeit der Natur nicht wieder geben, denn es fehlt ihnen mehrere Dimensionen. Die Weite, die Hitze, der Fahrtwind, das Rauschen des Flusses, das Flattern der Gebetstücher, die komplentative Ruhe eines Klosters, die Kühle des Morgens und das Gefühl auf über 4000m Höhe neben mächtigen Bergen zu kampieren, all das ist werde mit Fotos noch Filmen wirklich zu erfassen. Deutschland und der Alltag ist weit, weit entfernt.

 

 

Neben der Großartigkeit der Natur liegt der Reiz der Himalayatour auch in der Einfachheit des Lebens in diesen Tagen. Unsere übertechnologisierte, medial überfrachtete Welt ist abwesend. Die Einfachheit findet sich auch in der Art des Motorradfahrens. Man steigt am Morgen auf, schaltet die Welt durch das Aufsetzen des Helmes noch weiter aus, folgt seinem Vordermann und denkt an: Nichts. Besser gesagt: Die Gedanken sind nur im Hier und Jetzt. Und das Hier und Jetzt ist von großartiger, abwechslungsreicher Schönheit.

Keinerlei Ablenkung durch irgendetwas. Eine Welt ohne Handyempfang und mediale Dauerberieselung. Wohltuend einfach. Man fährt von A nach B und muss dabei noch nicht einmal überlegen, wie man nach B kommt, denn es gibt nur diese eine Straße, der man folgen kann.

 

Die Unterkünfte, das Essen, der Tagesablauf ist ebenso einfach und ursprünglich. Man spürt, dass man vieles aus unserer hochtechnologischen, zivilisierten Welt nicht benötigt und man entwickelt andererseits auch eine neue Demut gegenüber den einfachen Dingen des Lebens. Warmes Wasser, eine Dusche oder beständige Elektrizität sind keine Selbstverständlichkeit. In unseren Unterkünften sind sie (meistens) gegeben, aber für Millionen von Indern unerreichbar. Die Natur bestimmt hier über Art und Tempo des Lebens. 

Die Mächtigkeit und physische Präsenz der Berge tröpfelt uns kontinuierlich ein, dass wir als Person auf diesem Planeten nicht eine so große Bedeutung haben, wie wir Ich-zentrierten Europäer bisweilen meinen. Wenn die Natur nicht will, dass wir an diesem Tage unser Ziel erreichen, erreichen wir es auch nicht. Die größten Berggipfel der Welt als Kulisse, vermittelt uns, dass wir nur von ameisenhafter Bedeutung sind.

 

 

Die karge Lebensweise der Bergbevölkerung, die mühsame Suche nach Brennholz und das Fehlen von Komfort führt uns zu Bewusstsein, dass wir, die in Europa geborenen, qua Geburt ein privilegiertes Leben bekommen haben, dessen Standards auf dem Rest der Welt absolut nicht selbstverständlich ist. Diese Eindrücke in ihrer Gesamtheit rücken unsere eigene Rolle in die richtige Positionierung. Wir selbst und vieles andere: Nicht wirklich wichtig im großen Gezeitenlauf.

Eine weitere Erkenntnis dieser Reise, die man im Himalaya erfühlen und verinnerlichen kann, wenn man denn will. Und die man vielleicht für einige Monate mit nach Europa trägt. Eine Erkenntnis die hilft, wenn man im Supermarkt mal wieder an der falschen Kasse steht. Es ist nicht wirklich wichtig, wie lange ich warten muss, bis die Omi vor mir das Kleingeld gezählt hat. Auch wenn ich mich ärgere, wird es weiter regnen.

 

 

Der Reiz einer Motorradreise im Himalaya liegt also nicht nur auf dem Motorrad – aber natürlich auch dort. Die Transhimalaya ist mit keiner anderen Motorradreise vergleichbar. Sie führt uns von unserem Ausgangsort Shimla auf ca. 2000 Höhenmeter durch die schwarzwälderisch anmutenden Kieferwälder Richtung Narkand. In Jeori zweigen wir ab nach Saharan und erklimmen den Ort, der auf einem Bergrücken in 2165 Meter Höhe liegt zu Füßen des 5200 Meter hohen Srikhand Mahadev. Auf den nächsten Tagesetappen folgen wir dem Lauf des Sutjey Fluss in das Kinnaur Tal.

 

 

 

Auf der linken Seite, einige hundert Meter unter uns schlängelt sich der Fluss und wir folgen den hundertfachen Kurven des Straßenverlaufs. Besonders spektakulär sind die tunnelartigen Passagen, bei denen die Straße in den Felsen gehauen wurde. Auf diesen Höhen sind die Gebirgshänge noch grün bewachsen und wir swingen uns entlang der Felswände immer weiter in Richtung Tibet.

Entlang des Spiti Flusses, der dem Tal seinen Namen gab, verläuft die Hindustan Tibet Road, ein Hoch über dem Fluss angelegten Karawanenweg, von Indien nach Tibet. Wir befinden uns also auf historischen Wegen. Entlang der Felswände führt uns unser Weg. In der Tiefe tost der Fluss. Eine atemberaubende Szenerie. Durch das Spiti Valley gelangen wir auf den sogenannten Manali-Leh-Highway, der uns dann auf über 4000 Meter führt. Die Vegetation wird karg und die Höhe herausfordernder. Die Akklimatisierung der letzten Tage, die uns kontinuierlich in größere Höhen

geführt hat, zeigt aber ihre Wirkung. Während wir auf den ersten Himalaya Touren aufgrund des schnelleren Anstiegs unter diversen Symptomen der Höhe litten (Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Höhenerkrankungen), gibt es bei der neuen und aktuellen Streckenführung keinerlei Probleme mehr. Die beiden Ärzte, die unsere Gruppe wie jedes Jahr begleiten, haben außer der Behandlung eines bereits in Deutschland eingewachsenen Fußnagels keine medizinische Aufgaben zu erledigen.

Mehrere Tage unserer Reise bleiben wir auf der Hochebene der Region Ladakh. Tagsüber haben wir angenehme 28–30 Grad und keinerlei Niederschläge, denn der Pass, der auf die Hochebene führt, der Rohtang-La (deutsch: Leichenberg), bildet zugleich eine Wetter- und Kulturscheide. Der nach Regenfällen anspruchsvolle Pass verbindet die eher feuchten, monsunbestrichenen, hinduistisch geprägten Regionen des Hügel- und Mittellandes mit der buddhistisch geprägten, trockenen Hochregion.

 

Wir bewegen uns auf 4000 Metern. Unsere Strecke wird gesäumt von den noch höheren Erhebungen des Himalaya Massivs. Auf dieser Hochebene erreichen wir die Provinzmetropole Leh. Ehemals eine Dorf, ist es dank des boomenden Himalaya-Tourismus mittlerweile eine 15.000 Einwohner Stadt mit internationalem Trekking Publikum, sowie zahlreichen Bars und Restaurants und endlich sehr komfortablen Hotels. Der Abend wird länger als alle bisherigen.

Am nächsten Tag geht es dann auf den höchsten befahrbaren Pass der Welt. Von Leh aus windet sich die größtenteils asphaltierte Straße 39 Kilometer lang zum Khardung-Pass, der das Industal mit dem vom Shyok durchflossenen Nubra Tal verbindet. Wegen des Grenzkonflikts Indiens mit Pakistan und China (strategisch wichtiger Punkt ist der Siachen-Gletscher im Karakorum) wird die Straße fast ganzjährig, vor allem für Militärfahrzeuge, geräumt und offen gehalten. Auf halber Strecke passiert man einen Kontrollpunkt der indischen Armee (South Pullu), wo dem Reisenden die

 

Einreisepapiere abverlangt werden. Weiter führt die Straße, die oft auch im Sommer durch Schneefälle und wegen der schlechten Bereifung der Fahrzeuge schwer passierbar ist, bis hinauf zur Passhöhe, von wo aus man den ersten Blick auf das Karakorum-Gebirge hat.

Die Eroberung des Khadung La ist der plakative Höhepunkt unserer DANE TROPHY TRANSHIMALYA. Denn ab diesem Tag kann jeder Teilnehmer verkünden, dass er mit dem Motorrad auf dem höchsten befahrbaren Pass der Welt war.

Nach einer weiteren Übernachtung in Leh verlassen wir die gastliche Stadt. Das Grün wird jetzt zur Seltenheit zwischen dem Grau, Gelb, Ocker, Beige und Braun der Hochgebirgswüste. Diese bizarre und karge Gegend ist beeindruckend, sie wirkt wie eine unwirkliche Mondlandschaft und hat daher auch konsequenterweise den Namen Moonland.

 

Bei jeder Vegetation ragen zerklüftete Bergspitzen steil in den Himmel. Aus weißem Lehm, den Überresten eines hier vertrockneten Sees, sind im Laufe der Jahrhunderte die bizarren Felsformationen entstanden. Die Höhe und die Bergbeschaffenheit sorgen für unglaubliche, große, wandernde Wolkenschatten, deren Eindringlichkeit mit der Kamera nur schwerlich einzufangen ist.

Ein Vorteil der militärischen Bedeutung dieser Strecke: Sie ist PERFEKT ausgebaut. Feinster Asphalt schlängelt sich durch das Moonland. Das Fahren ist eine wirkliche Freude. Es herrschen 30 Grad und die vorbeiziehenden Bilder brennen sich für alle Zeiten auf die Festplatte des Gehirns.

Wir sind nunmehr in Kargil, einer muslimischen Stadt an der Grenze zu Pakistan. Von Srinagar, dem Ziel unserer Reise, trennt uns nur noch der Fotu La Pass vom Kaschmirtal. Da dieser stundenweise nur einseitig zu befahren ist, startet unsere letzte Etappe bereits in der Dunkelheit. Als Dank erleben wir den Sonnenaufgang über den Bergen, am Fuße des Fotu La.

Dank des ganzjährig reichlichen Gletscherwassers im Fluss Sind, ist hier alles grün und für Mensch und Tier sehr fruchtbar. Apfel-, Birnen-, Aprikosen- und Walnussbäume sowie edle Safranfelder und saftig grüne Wiesen und Weiden säumen die Straße nach Srinagar. Je näher wir der Hauptstadt Kaschmirs kommen, desto grüner wird alles. Wir hatten bis dahin eigentlich nur gigantische Bergmassive mit über 7000 Meter hohen Bergriesen, Stein-, Salz- und Sandwüsten gesehen. Bäume waren absolute Mangelware und nun präsentiert sich das Kaschmirtal in all seiner Üppigkeit.

Wir erreichen Sinagar und haben den intensivsten Trip unseres Lebens gut überstanden und wir werden die kommenden Stunden an diesem fantastischen Flecken Erde nutzen, um zusammen und jeder für sich das gemeinsam Erlebte zu verarbeiten und einzuordnen. Und dafür gibt es keinen besseren Ort als ein Hausboot am Dal-See. Mit Schikaras, gondelartigen Einbooten, werden wir und

unser Gepäck mit gleichmäßiger Paddelbewegung auf die andere Seite des Dal Sees gebracht. Wir sitzen unter einem Sonnendach auf üppigen Polstern und schon auf der Mitte des Gewässers verstummen die Gespräche und unsere äußere und innere Ruhe steht in einem Kontrast zur Quirrligkeit der vergangenen Tage. Wir erreichen unsere  opulenten hölzernen Hausboote und fühlen uns um 100 Jahre zurück versetzt in die englische Kolonialzeit Indiens. Unsere Unterkünfte in den vergangenen Tagen waren zweckmäßig und spartanisch. Die Flusshausboote sind opulent, großzügig und komfortabel. Der See ist getränkt in goldenen Licht, wir sitzen auf dem Heck unserer Boote, die alle mit Planken miteinander verbunden sind. Eine Männergruppe nach einem der größten Abenteuer ihres Lebens. Die Stille des Sees und die Ruhe des Hausbootes geben uns die Gelegenheit die Eindrücke der vergangenen Tage zu verinnerlichen.  

Es ist schwer zu beschreiben, wie groß der Kontrast zu den entbehrungsreichen Tagen im Himalaya ist. Aber eben dieser Kontrast wird uns die abschließenden Hausboot-Tage nie vergessen lassen.

 

Unsere vier Boote sind mit einer Art „Terrasse“ versehen, die wiederum mit dem Nachbarschiff verbunden ist. Wir haben unendlichen Raum, ein reichhaltiges Frühstück und auf jedem Boot einen „Verwalter“, der uns jeden Wunsch erfüllen kann und von der Wasserseite her immer wieder freundlich-geschäftige „Gäste“, die aus der Versorgung der Hausboote eine Geschäftsidee entwickelt haben. Ein Fingerzeig genügt und alle erdenklichen Waren und Mittel, zur Not auch verbotene, werden uns ans Boot gebracht.

Die Natur beschenkt uns mit unglaublichen Farb- und Lichtspielen und der See und die Menschen, die sich auf ihm bewegen strahlen eine unglaubliche Ruhe und Würde aus. Ein fast schon kitschig anmutender, perfekte Abschluss einer Reise, wie man sie vielleicht nur einmal im Leben erleben wird.
Oder eben viermal.
Bisher. 🙂

Danke für Dein Interesse.
Jens Foehl

Dane Trophy

P.S. Solltest Du Dich beim Lesen nicht gelangweilt haben, findest du hier mein gesamtes Tagebuch der DANE TROPHY 2016: Tagebuch Transhimalaya 2016