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Tag 2: Dehli, du Moloch.

Indien hat viele Facette. Wer das Land verstehen will, kommt um seine Hauptstadt nicht herum. Eine Fahrt in das Herz von Indien.

Pünktlich, wie angekündigt und immer kommt Mr. Moti zum Frühstück ins Hotel.

Ehrlich berührt, entschuldigt er sich für die gestrige Unpässlichkeit (siehe gestriger Tag). Unsere anscheinend buddhistische Himalayatruppe reagiert, als wüßte sie schon nicht mehr, wovon er den rede.

Wir disponieren ein wenig um und fahren mit dem Bus in den Moloch Dehli. Der Bus ist quasi ein fahrbares Kino. Mit dem Blick aus dem Fenster zieht eine faszinierend bunte Welt vorbei. Untermalt von dem Geräuschpegel von 11 Millionen Menschen. Gehupe, Geschreie, Gelächter. Eine Explosion von Farben. Ein Kaleidoskop des indischen Lebens. Szenen von berührender Intensität und Szenen von bizarrer Gestalt für das europäische Auge.

Die Intensität der Eindrücke wird noch gesteigert bei einer Rikscha Fahrt durch „Old Dehli“, dem historischen Zentrum. Wieder wird dem Auge ständig neues Futter geboten. Das Treiben auf den Strassen ist so eng, dass man nicht den Arm aus der Rikscha nehmen kann, ohne eine kleine Verletzung in Kauf zu nehmen. Man kann nicht so schnell aufnehmen, geschweige denn fotografieren, wie sich dem Auge neue Miniszenen des Lebens bieten. Unterstrichen wird die Absurdität des alltäglichen Treibens durch bizarre Konstruktionen des dehlischen Stromnetzes, dass über den Häuptern schwebt wie ein Ausdruck des indischen Lebens. Es ist sinnbildlich für die Stadt: ungeplant, improvisiert und halb funktionsfähig. Die Kabelstränge hängen zentimeterbreit über den Köpfen der Menschen, sie sind an durchgängenden Ästen befestige und jeder scheint für seinen eigenen Bedarf ein Kabel angelötet zu haben.

Später in Manali beobachten wir eine Szene, bei der ein Strassenarbeiter mit 2 blanken Kabeln an der Leitung fummelt, um sich Strom für seine Handkreissäge ab zu leiten. Die Leitung ist mehrfach geflickt und Thomas, der gelernte Elektriker, tippt schon mal die Telefonnummer des uns begleitenden Arztes ein, angesichts der Gefahren, denen sich der sandalenbekleidete Bauarbeiter aussetzt. Aber, siehe da, die Handkreissäge funktioniert! Natürlich wird sie aber erstmal beiseite gelegt und die neue Situation mit den 6 anwesenden Kollegen diskutiert.

Es gibt keine Regeln in Indiens Alltag oder sie ist für uns nicht überschaubar, aber es funktioniert. Die erkennbarste Regel ist, dass man schneller und geschickter als sein Gegenüber sein muss, dass dieses dann aber auch von eben diesem Gegenüber akzeptiert wird. Wenn man als Rikschafahrer rechts abbiegen möchte und sich somit dem ewigen Verkehrsstrom der Gegenfahrbahn stellen muss, darf man nicht damit rechnen, dass die 10 Rikschakollegen der Gegenseite kurz stoppen, um die Querung zu ermöglichen. Man darf auch nicht damit rechnen, dass der Staat dies per Ampelregelung oder Abbiegespur organisiert hat. Man muss sich auf seine eigen Chuzpe verlassen, in die erste Lücke rein stoßen, so sich Platz verschaffen und dann durch das Recht des Schnelleren das Abbiegen durchziehen. Dies wird dann aber auch von den anderen Rikscha-Jungs akzeptiert. Natürlich aber nicht unkommentiert.

Es wird also improvisiert und der eigene schnelle Vorteil genutzt.

Dies erscheint uns als Prinzip für das indische Stromnetz, den indischen Verkehr und das gesamte indische Leben..

In Old Dehli wird auch die Härte des täglichen Überlebenskampfes sichtbar.

Ausgemergelte Tagelöhner, die riesige zementbeladene Karren per Hand durch das eigentlich undurchdringliche Gewirr schieben, Rikschafahrer, die sich um die europäischen Gäste streiten, Straßenhändler, die sich beim Verkauf der absurdesten Devotionalien aggressiv am potentiellen Kunden bleiben („Price cheap“), Kinder, die Autoreifen wechseln, Köche des Chicken Palaca, die mangels Platz auf dem Herd sitzend, barfuß die Pfanne rühren. 30m weiter sein Lieferant, der eben diese Hähnchen am Strassenrand armselig in engen Käfig halten.

Wie soll man auch eine Empfindung für Tierschutz haben, wenn es noch nicht mal Menschenschutz gibt?

Naiv geben wir unserem hart arbeitenden Rikschafahrer 100 Rupien Trinkgeld, um dann zu sehen, dass ihm dies sofort wieder entnommen wird. Anscheinend gehört ihm das altersschache Gerät nicht selbst, sondern er fährt es lediglich. Aus indischer Sicht gehört ihm anscheinend auch das wirklich hart erstrampelte Trinkgeld. Wir starten einen 2. Konspirative Trinkgeldübergabe und müssen sehen, dass der Rikschafahrer das Geld weitab deponieren muss. Denn seine Kleidung wird wohl am Ende des Tages untersucht werden…

 

Es herrscht ein rüder Ton und eine ebensolche Atmosphäre.

Angesichts des irrsinnigen Stress, den eine solche Menge von Menschen verursacht, ist der Inder aber insgesamt erstaunlich aggressionslos und gleichmütig.

Als wir am Abend in das Hotel zurück kehren, ist es mein erstes Bedürfnis mich zurück zu ziehen. Der arme Einwohner Dehlis hat diese Rückzugsmöglichkeit quasi NIE.

Auf den Strassen und auch im eigenen Heim ist er IMMER von Menschen umgeben, die ihr Anrecht durchsetzen wollen.

Es mag sein, dass es Ergebnis der Sozialisation ist, auf Privatsphäre verzichten zu könne, wenn man von frühester Kindheit in jeder Situation des Lebens von anderen Menschen umgeben ist.

 

Ich aber freue mich auf die Schönheit und Einsamkeit der Berge.

Dehli hat nichts wirklich schönes, außer die Intensität des menschlichen Treibens.