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Tag 9: Drei Verletzte, zwei Steinschläge und mehrere Esel.

Hat mal jemand ein Gewehr?

Die 3. Nacht auf über 4000m und -zumindest in meinem Fall-, erstmals die Möglichkeit für geruhsamen Schlaf, da die Akklimatisierungs-Kopfschmerzen dank eines 15 Stunden Schlafmarathons nahezu verschwunden sind. Im Kopf ist also Ruhe eingekehrt, im Zeltlager leider nicht. Ein hartnäckiger Esel vertreibt seine Langeweile, in dem er laut krakeelent von Zelt zu Zelt rennt. Übrigens, einen schreienden Esel hat man ja eher selten zu Hause, die Viecher können ganz schön laut sein.

Andere Ursache, gleiche Wirkung: An Schlaf ist also wieder kaum zu denken.

(Wenn ihr keine Lust habt zu Lesen: Der Tag im Videodurchlauf:)

Immerhin aber eine bessere Situation als das Szenario, dass sich heute Nacht im Lager unserer indischen Begleiter abgespielt hat. Um 22:00 Uhr wurde Doc Peter von unserem Guide Mr. Moti geweckt: Er möge sich doch bitte mal Nilay ansehen, unseren Jeep Fahrer, er mache einen seltsamen Eindruck. Moti ist natürlich erfahren in Sachen Höhe und hat daher schon erkannt, dass Nilay Symptome einer Höhenerkrankung zeigt. Wenn er allerdings extra unseren Doc weckt, muss die Sache schon ernsterer Natur sein. Nachdem Peter Nilay in Augenschein genommen hat, ordnet er mit deutlichen Worten an, dass dieser SOFORT einige hundert Höhenmeter tiefer gebracht werden MUSS. Angesichts der Dunkelheit, der Beschaffenheit der Strassen und der Müdigkeit unserer Begleiter, eine ungewöhnliche Maßnahme. Die sich aber 2 Tage später im Krankenhaus von Leh als völlig richtig erwies. Nilays Sauerstoffanteil im Blut war deutlich reduziert und ohne Peters vehementes Eingreifen, wäre es für ihn gefährlich geworden!

Eine Tatsache, die uns allen am nächsten Morgen endgültig verdeutlicht, dass ein Transhimalaya Trip eine wirkliche Herausforderung darstellt, bei der man sich über die Anforderungen im Klaren sein sollte.

Im Laufe des Tages sollte sich diese Erfahrung noch verstärken: Mit Fritz haben wir bereits seit gestern schon einen Teilnehmer, der es aus gesundheitlichen Gründen vor gezogen hat, vom Motorrad in den bgeleitenden Bus zu wechseln. Am heutigen Morgen hat sich dann auch Eckhardt, leicht geschwächt, auf Anraten von Peter zu diesem vernünftigen Schritt entschlossen.

Dezimiert auf 18 Mann machen wir uns auf die traumhaften 220km nach Leh. Der größten Stadt und dem kulturellen Zentrum der Region.

Nach wenigen Kilometern zeigen sich die Auswirkungen der Höhe ein weiteres Mal. Wie schon berichtet, ist die Konzentrationsfähigkeit aufgrund des geringeren Sauserstoffgehalts in der Höhe merklich reduziert. In einer fahrerisch eigentlich einfachen Passage kommt Michael von der Strasse ab und prallt im sandigen Geläuf mit dem rechten Fuß gegen einen Felsbrocken, verliert dabei die Kontrolle und stürzt auf den Asphalt. Am Rande sei bemerkt, dass sich bei diesem Sturz die DANE Motorradbekleidung sehr bewährt hat: Außer leichten Prellungen keinerlei Schädigungen im Oberkörperbereich. Die später Diagnose bei Michael: 3 gebrochene Zehen. Ohne jede Wertung möchten wir der guten Ordnung halber anmerken, dass das Schuhwerk nicht von uns war. 😉

Das Motorrad ist schwer beschädigt und in der Folge muss auch Michael mit einem Platz im Bus vorlieb nehmen. Der dezimierte Rest setzt seine Abfahrt vom Tso Morini in das Industal fort.

 

Neben der Höhe und den selbst verschuldeten Problemen ist Indien und seine Inder auch immer wieder ein Garant für „interessante“ Situationen.  Denn, wie unwägbar die Risiken in diesem Abschnitt der Erde sind, müssen wir tief im Industal erfahren. Plötzlich geht nichts mehr. Die Straße ist durch meterhohe Felstrümmer versperrt. Ein Riesen Bulldozer versucht die Straße frei zu räumen als plötzlich hinter ihm und kurz darauf vor ihm das gesamte Felsmassiv einzustürzen droht. Wir ziehen uns aus dem Gefahrenareal etwas zurück, als sie plötzlich auch noch auf unserer Höhe versuchen, den Fels anzubohren und sich drohend Geröll über uns zu lösen beginnt. Nach bangem Warten risikiert der Raupenfahrer doch nochmal sein Leben und räumt die Felsbrocken zur Seite sodass wir unter Stoßgebeten die bedrohte Passage so schnell wie möglich hinter uns bringen.

 

Der Ablauf der Strassensprengung, der in Deutschland zu einer Evakuierung im Umkreis von 25km geführt hätte, zeigte uns wieder ein Szenario aus der losen Reihe: „Indien live“:

– Zur Warnung der Reisenden wird oben auf dem Felsen von einem gelangweilten Greis eine minikleine rote Fahne geschwenkt

– Der Fels wird so gesprengt, dass es zu gewaltigen Überhängen kommt.

– Ungeachtet dessen werden die Wartenden von dem auf Feierabend erwartenden Greis mittels kleinen grüner Fahne bis an die Gefahrenstelle heran gelassen.

– Der Raupenfahrer verursacht bei seiner Räumung durch kräftiges Geraupe eine weitere ordentlich Dauer-Erschütterung.

– Im Ergebnis fallen die tausenden Tonnen Überhangs-Gestein krachend neben der Raupe auf den Boden.

– Der Raupenfahrer flüchtet von der Raupe. Aus unserer Sicht auch unbedingt empfehlenswert, da sein Raupensitz vollkommen ungeschützt ist.

– Die Bauarbeiter durchqueren die ca. 50m lange Gefahrenstelle zu Fuß. Es ist Feierabendzeit.

– 45min Besprechung von ca. 21 Personen mit den verschiedensten Baustellenfunktionen. Mit dem Ergebnis, dass der Raupenfahrer ohne weitere Schutz- Maßnahmen weiter räumen muss.

– Der Raupenfahrer folgt der Anordnung mit ängstlichen Blick. Respekt!

– Ein 17jähriger, als einziger mit iPod Kopfhörern und anscheinend aus diesem Grunde in der Funktion des leitenden Ingenieurs, beschließt seine Leute auf der Höhe der Wartenden einen Riesen-Riesenbohrer ansetzen zu lassen.

– Ein Bohrmeister hält voll drauf, 2 Mann stützen ihn und 2 weitere Adjudanten leiten den sich drehenden Bohrer mit den Händen.

– Weiteres Gestein löst sich. Aufgrund des Protests der anwesenden Europäer (wir) werden die Bohrungen an dieser Stelle eingestellt und an keiner anderen weiter geführt.

– Der Raupenfahrer hat fertig geräumt. Alle passieren mit bangen Blick die Überhangsstelle, die wir im nächsten Jahr wahrscheinlich unverändert so vorfinden werden.

– Es war mal wieder ordentlich was los und alles ist gut gegangen.

Erleichtert setzen unsere Reise fort und erreichen am frühen Abend die fantastische Stadt LEH.

Für 220km haben wir 10 Stunden benötigt. Und das nur dank eines mutigen Raupenfahrers.

Entschädigt werden wir mit einem äußerst komfortablen Hotel, einer funktionierenden Dusche, sehr guten Essen und einem tiefen Schlaf.

Unsere beiden verletzten Busfahrer verbringen die Nacht vorsorglich im Krankenhaus von LEH und lernen dabei die Vorzüge des teuren deutschen Krankensystems neu zu schätzen.

Immerhin werden sie fürsorglich bewacht von unserem 2. Guide Gobal, der, wie in einem kitschigen Film, die ganze Nacht vor dem Krankenzimmer auf dem Stuhl schläft.

 

Der Rest der Truppe genießt den wohlverdienten Schlaf.

Aus der Dusche kam warmes Wasser!

Für diese Nacht liegt das Paradies in „nur“ noch 3500m Höhe in Leh.